Verboten – Humankapital

Verboten – Humankapital

  2016-09-verboten-humankapital verboten-humankapital

Produzent/Label: OPOS Records
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Album
Lieder: 14
Gesamtspielzeit: 53:44 Minuten
Genre: Punkrock, Oi!
Pressnummer: 3007802208
Zusätzliche Informationen: Die CD kommt in einem Pappschuber.

Im letzten Jahr erblickte die Mini-CD „Deutsches Herz“ (Oldschool Records) das Licht der Welt und was man da zu hören bekam, war schon sehr skinlastig. Für mich wenig ansprechend, bis auf das Titellied, darum geriet sie auch schnell in Vergessenheit. Dann kamen noch ein paar Projekte heraus, wie die zweite Musigkruppe, Back to the basement und Straight Right, an denen Verboten-Musiker beteiligt waren. Man wurde also immer wieder irgendwo mit ihnen konfrontiert. Das erste vollwertige Album wirkt optisch schon wie eine dreckige, brutale Bombe und bei einem solchen Titel und dieser Titelliste erwartet man eine musikalische Front gegen Kapitalismus und Ausbeutung. Ob dieses Album diesem Anspruch gerecht wird?

Zur Aufmachung

Dann fangen wir doch mal beim Pappschuber an, der rein optisch an eine typische HC-Produktion erinnert. Die Feder des Mudhaters zeichnet nun mal eben viele solcher Produktionen visuell aus. Wer sich also rein von der Aufmachung zum Kauf verleiten lässt, wird weniger Hardcore, dafür mehr Punkrock hören. Vergleicht man die Front des Pappschubers mit der zerschundenen Frau darauf, mit der Front des Beiheftes mit dem strahlendem Gesicht – nachdem man die Hülle erstmal heraus bekommen hat – dann lässt sich erahnen, dass der schöne Mensch durch Kapitalismus zerstört wird und somit perfekt zum Titel passt. Im Beiheft sind alle eigenen Texte – also keine Covertexte – und eine unvollständige Grußliste. Ich lese nämlich keinen „Punikoff“ 😀 Die Gestaltung ist eher düster und dreckig gehalten und geht absolut in Ordnung. Mudhater verstehen etwas von Gestaltung.

Zur Musik

01. Verboten
02. Humankapital
03. Gefallene Brüder
04. Oben lecken, unten treten
05. Kill Capitalism
06. Friedrich Staps
07. There goes the neighbourhood *
08. Meine Heimat vergess ich nicht
09. Dress up
10. Ihr ändert uns nicht
11. Vergiftet
12. We ain’t dead yet
13. Wir sind das Volk
14. Lass den Kopf nicht hängen **

* Legion of St. George Cover
** Volxsturm Cover

01. Verboten

Okay, ein Eröffnungslied, das eine Hymne auf sich selbst ist. Holt schonmal den Weihrauch raus. Halt! Ganz so stumpf ist es gar nicht! Klar, erwähnt man sich hier auch selbst – irgendwie, doch steht der Verbotswahn der BPjM im Mittelpunkt. Verboten stützen den Artikel 5 im Grundgesetz mit dem abgewandelten Zitat „Eine Zensur findet nicht statt“, denn statt zu zensieren, wird verboten. Eine richtig tolle Punkrocknummer mit hohem Mitsingfaktor und Parallelen zu Rotte Charlotte. Ich weiß nur nicht, woher man das Sample* im Intro genommen hat.

* Sonnenallee (danke Vanitas)

02. Humankapital

Im Kapitalismus ist der Mensch für zwei Dinge gut: Produzieren, konsumieren. Die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer. Die Schere der Ungleichheit wird stetig weiter gespreizt. Wer von Kapitalismus faselt, sollte bei sich selbst anfangen und absolut ehrlich zu sich sein. Wer Produkte von beispielsweise The Coca Cola Company, Nestlé und Danone kauft, beutet indirekt Dritte Welt Länder aus und beraubt sie ihres Wassers. Blutwasser! Bei Kleidung und Schuhen sieht es nicht anders aus. „Unterstützt den Kapitalismus“ sollte auf den Produkten stehen. Immer erst bei sich selbst anfangen. Der Schreihals weiß, wovon er singt, darum attestiere ich die Thematisierung „Kapitalismus“ als gelungen. Ein würdiges Titellied mit schönen Einspielern der Gitarre.

03. Gefallene Brüder

Kein Lied über Soldaten des II. Weltkrieges, sondern viel mehr über ermordete NS-Streiter in der heutigen Zeit und das Relativieren in den Medien, ja sogar das Zusammenspiel mit dem Feind wird ihnen vorgeworfen. Textlich gut getroffen mit dem „Einer von uns!“-Appell – das trifft die Hörer, weil jeder schon irgendwie Kontakt mit dem politischen Gegner hatte. Das Lied besitzt einen mitreißenden Spannungsbogen und ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Titel in manche Wiedergabeliste für eine „Skin-Party“ wandert – ohne das Thema jetzt mit Spaß in Verbindung zu bringen, im Gegenteil. Es geht ins Ohr und die Botschaft ist wertvoll. Ihr seid nicht vergessen!

04. Oben lecken, unten treten

Wer jetzt an Schweinkram denkt, wird enttäuscht,denn hier geht es um die Entscheidung jedes Einzelnen, sein Leben zu leben oder alles in Karriere und Arbeit zu investieren und am Ende nie gelebt zu haben. Das ist jetzt sehr einfach ausgedrückt; der Text trifft es noch deutlicher und geht mehr ins Detail.

05. Kill Capitalism

Hier ist der Name absolut Programm. Der Texter beweist hier sein Wissen über Kapitalismus und den Überwachungsstaat, wie schon in Orwells 1984 beschrieben. Eine sehr schnelle und aggressive Nummer, die musikalisch nicht meinen Nerv trifft, inhaltlich dafür punktet.

06. Friedrich Staps

Einigen wird der Name dieses jungen Herrn ein Begriff sein; für alle anderen, werde ich die Uhr ein paar Jahrhunderte zurück drehen. Aus Naumburg an der Saale stammte Friedrich Staps (oder auch Stapß), geboren 1792, der sich mit 17 Jahren entschloss, Napoleon Bonaparte zu ermorden, um Deutschland und Europa zu retten. Sein Attentat schlug fehl, doch eine Begnadigung stieß er aus, da er von seinem Plan nicht abzubringen war. So wurde er 1809 von einem Erschießungskommando hingerichtet. Napoleon glaubte nicht an einen Einzeltäter, darum ließ er die Familie des Jünglings 22 Jahre im Ungewissen über sein Ableben.

Die Melodie ist so dermaßen eingängig, dass sie mit ihrer fröhlichen Leichtfüßigkeit locker einem Kinderlied gerecht werden könnte. Darum freut mich der Anfang auch so sehr, da er wie von einem Barden vorgetragen wird. Eigentlich mag ich es, wenn es dann losrockt, wie bei Teuts Söhne oder anderen Lunikoff-Liedern, die auf älteren Melodien beruhen, doch hier will der hektisch-punkige und teils schiefe Gesang einfach nicht ins Gesamtbild passen. Da tut es mir um die schöne Melodie echt leid. Dafür gefällt mir die Frauenstimme ganz gut. Eigentlich ne geile Nummer, nur unschön umgesetzt, wie ich finde.

Es lebe die Freiheit. Es lebe Deutschland. Tod seinen Tyrannen!
– Friedrich Staps letzte Worte –

07. There goes the neighbourhood
Im Original von: Legion of St. George

Die erste Nachspielversion auf dieser Scheibe ist von der britischen Skinkapelle Legion of St. George aus dem Jahre 1998. Im Gegensatz zum Original klingt diese Version natürlich moderner und klarer und auch der typische Insel-Sound ging dabei verloren. Inhaltlich kann ich nur sagen, dass die besungene Nachbarschaft sich stark zum Negativen verändert hat. Ich vermute, dass es sich um Arbeiterviertel handelt, die durch steigende Arbeitslosigkeit zunehmend an Bewohnbarkeit verloren. Wer hierzu mehr sagen kann, darf sich gern in einem Kommentar zu Wort melden.

08. Meine Heimat vergess ich nicht

Eine extrem gute Nummer mit eingängiger Melodie und Hymnenpotenzial, deren Chor im Refrain von Barny unterstützt wird. Hier wird die Heimat besungen, die sich im deutschen Osten befindet und an Tradition so unfassbar reich ist. Sicherlich kann das als Futter für den künstlichen Ost-West-Konflikt verstanden werden, der uns Deutsche schon gedanklich differenziert, doch muss es das nicht. Jeder sollte stolz auf seine Heimat sein und seine positiven Eigenschaften in den Vordergrund stellen. Man muss sich aber eingestehen, dass man im Osten Werte und Traditionen verteidigt und wahrt, während man im Westen eher dem amerikanischen Vorbild frönt und zunehmend seine Identität verliert – grob gesagt. Mir gefällt es ausgesprochen gut!

Vergass dei Haamit net!

09. Dress up

Mit Kleiderhipstern wird in dieser textlich witzigen Punknummer abgerechnet, die den Look der Szene nutzen, um sich selbst darzustellen, aber keinen Teil zu ihr beitragen.

10. Ihr ändert uns nicht

Der Texter lebt ein sehr vom Pech geprägtes Arbeiterleben, besitzt aber die Einstellung weiter zu machen, zu kämpfen und sich nicht klein kriegen zu lassen. Eine punkrockige mentale Stütze, für Menschen, die es nicht immer leicht haben. Auch hier wieder sehr melodisch, auch wenn es nicht ganz so fruchtet, wie beim Heimatlied.

11. Vergiftet

Im Mittelpunkt steht hier der billige und ungesunde Fraß aus dem Ausland (bspw. Genmais), der uns als wunderbare Alternative gegenüber gesünderen und CO2-Ausstoß-ärmeren aber teureren Lebensmitteln aus unserer Nähe vorgegaukelt wird. Hier wird auch wieder klar, dass der Sänger wohl aus der weniger gut verdienenden Mittelschicht kommt, und jede Mark zweimal umdrehen muss, wenn er einkaufen geht. Gerade das Thema Ernährung finde ich sehr wichtig, denn viele wissen gar nicht, was sie da täglich zu sich nehmen – und traurigerweise scheint es sie auch nicht wirklich zu interessieren. Solche Lieder sollen die Leute aufwecken und ihnen klar machen, dass nur sie selbst etwas ändern können.

12. We ain’t dead yet

„Skins sind nicht tot“ ist die Aussage dieser melodischen Punknummer, bei der die Wahl, den Text auf Englisch zu singen, sehr richtig war. Für mich wird der Skinhead immer ein Relikt der 80er bleiben mit dem ich nie etwas gemein hatte, was jetzt gar nicht böse klingen soll. Wahrscheinlich wird es immer Skins geben, so wie es wohl immer Punks geben wird, doch ihre Hochzeit ist lange vorbei.

13. Wir sind das Volk

Der Spruch, der untrennbar mit dem Mauerfall 1989 verwoben ist, bekommt in der Zeit der Flüchtlingskrise eine neue Bedeutung und wird vom Widerstand der Mitte wieder in den Fokus gerückt. Dieses Lied beschreibt den aktuellen Widerstand in der BRD, gegen die Regierung und ihre lächerlich naive Willkommenskultur.

14. Lass den Kopf nicht hängen
Im Original von Volxsturm

Die Schweriner Oi!-Band Volxsturm war damals schon eine der Gruppen, die vom Gemeinschaftsgefühl der Punks und Skins sang. In diesem Lied geht es um sozial schwache Menschen, die auch in schweren Zeiten von ihresgleichen aufgefangen werden. Geteiltes Leid und so… Hierbei handelt es sich um eine 1:1 Kopie, also mit Orgel.

 

Mein Fazit

Hier wechseln sich punkige Lieder und melodische Rocknummern ab, sowie Themen voller Wut, aber auch Liebe. Im Allgemeinen möchte ich sagen, dass diese Scheibe eine von vielen Stimmen aus der Arbeiterbewegung ist, die keineswegs ungebildet ist, wenn nicht sogar sehr bodenständig und mit materiellen Dingen weniger anfangen kann, als mit der Familie und dem Land. Ich bin überrascht, dass mir das Album so gut gefällt, nach der eher schwachen EP.

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3 Gedanken zu “Verboten – Humankapital

  1. Guten Abend,
    Danke für die ehrliche Besprechung unserer Scheibe. Falls richtiges Hintergrundwissen benötigt wird, hier sind wir. 😁
    Beste Grüße aus Sachsen.

    Der verbotene Sänger

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