Luitgard – Frei gedacht

Luitgard – Frei gedacht

2016-03 - Luitgard - Frei gedacht

Produzent/Label: Exzess Records
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Album
Lieder: 11
Gesamtspielzeit: 43:03 Minuten
Genre: Balladen, Chanson
Pressnummer: 34386

Durch Zufall fiel mir vor kurzem das Debut der Künstlerin „Luitgard“ in die Hände und ich muss ja direkt sagen, dass ich nach durchwachsenen Hörproben echt positiv überrascht wurde. Dieses Werk, was ja als Experiment im Bereich Chanson angekündigt wurde, verdient diese Bezeichnung tatsächlich und hebt sich deutlich von dem Gekrächze einer Anett ab. Das kann man sich wirklich im Kabarett oder in einer Zigarren-Lounge vorstellen, wo man einfach nur im blauen Dunst schwelgt und den Klängen von der Bühne lauscht. Mit anderen Worten: Das was angekündigt war hat der Hörer auch bekommen. Aber wir gehen das wie immer Stück für Stück durch…

Zur Aufmachung

In einem hellblau-grauem Grundton kommt diese CD aus dem Hause Exzess-Records daher. Auf dem Cover eine Hand mit einer Zigarette (genretypisch) im Finger die sich auf einer Gitarre ausruht und eine Spielpause andeutet. Schönes gelungenes Motiv, welches man beim Blättern durchs Beiheft in einigen Variatonen findet. Kann mir vorstellen, dass das für den Mudhater, der die Grafik designt hat keine einfache Vorgabe war. Ist ja auch kein alltägliches Genre. Auf den folgenden Seiten findet man in richtiger Reihenfolge die Texte. Sowas ist bei mir immer ein Pluspunkt; denn auch wenn das mittlerweile schon üblich ist kennt man doch auch in der jüngeren Vergangenheit andere Beispiele. Auf der Rückseite sieht man eine Art Bandlogo mit einer Titelliste überschrieben. Dieses findet man auch auf dem Einleger und der Rückseite wieder. Rechts auf letzterer noch mal die Titelliste und links unten noch der Verweis aufs Label. Gesamteindruck: klassisch, nicht zu überladen, hat was.

Zur Musik

1. Barrikaden
2. Dumm-Dideldeidi-Dumm
3. Frei gedacht
4. Kohle und Macht
5. Ich kenne das
6. Ode an den Sohn
7. Da denkta
8. Freier Fall
9. Lebenshaus
10. Deutsche Stille
11. Albtraum

01. Barrikaden

Eine schöne Durchhalteparole eröffnet diese ungewöhnliche Platte, die allein durch ihre Machart ein Alleinstellungsmerkmal erhält. Textlich wird sich an die gewandt, die sich in ihren Nihilismus ergeben und eben jenen wird entgegen gerufen: Kommt raus aus eurer Isolation, werdet aktiv und wehrt euch. Denn wer wenn nicht du soll es sonst machen? Gefällt mir.

02. Dumm-Dideldeidi-Dumm

Weiter geht’s mit dem dadaistischsten Liedtitel, den ich in meinen 15 Jahren, in denen ich den Kram jetzt mitmache überhaupt gehört bzw. gelesen habe. Dumm-Dideldeidi-Dumm… Is klar.
Textlich setzt man sich hier mit den Erscheinungen des Zeitgeistes auseinander und erteilt diesen eine lyrische Absage. Ein etwas flotteres Stück was schon nach wenigen Takten in den Gehörgängen tanzt. Wie gesagt, is mal etwas anderes. Ich mags.

03. Frei gedacht

Eine sehr metaphorische und allegorische Sprache zieht sich wie ein roter Faden durch die hellblau-grau gehaltene CD. Aber die Aussage bleibt dennoch klar erkennbar. Freidenker habens nie einfach und das Fräulein Musikus zählt sich selbst dazu. Nur Wahrheit bringt uns gutes bei. Das kann man ohne weiteres signieren. Spätestens hier fängt diese CD wirklich an Spaß zu machen. Denn das Augenzwinkern hört man da echt raus.

04. Kohle hat Macht

Auch dieses Lied bestätigt den witzigen leichtfüßigen Sound und die leichte Berliner Mundart trägt ihr übriges zur Authentizität bei. Erzählt wird von Hans-Wurst und Käse-Paul, die von Kohle-Peter so richtig schön ausgenommen und misshandelt werden. Eine weitere Metapher wie der Kapitalist sich auf Kosten der Arbeiter bereichert und das mittlerweile auch ganz offen kommuniziert.

05. Ich kenne das

Sind wir ehrlich und besinnen uns kurz. Wie oft haben wir in nationalen Veröffentlichungen Mundharmonika gehört? Also ich kann Auftritte dieses Instrumentes an 1-2 Händen abzählen. Und das beste, der/die jenige beherrscht sein Instrument sogar. Ich erwische mich zum wiederholten Male wie ich im Takt mitwippe. Falls sich unter den Lesern Freunde der Musik von Anett Louisan oder Edith Piaf befinden dann betrachten diese sich bitte als herzlich eingeladen diese CD mal anzutesten. Vergleiche dahingehend müssen in keinster Weise gescheut werden.

06. Ode an den Sohn

Das Thema Familie hat in den letzten Monaten scheinbar wieder an Aktualität gewonnen. Eine Entwicklung, die ich persönlich für gut befinde, denn die Familie ist immer noch Keimzelle dessen was wir einst unter dem Namen Volksgemeinschaft wieder etablieren wollen. Die Halbzeit dieser Platte wird jedenfalls von einer verträumten, fast melancholischen Arie einer Mutter an ihren Jungen eingeläutet.

07. Da denkta

Da macht set wieda. Se berlinert. Und jenau det jibt dem Stück ne jewisse authentische Note, wa?
Besungen werden die Probleme eines Jungen in der Großstadt, in dem Fall natürlich Berlin. Macht Sinn. Beschrieben wird wie sich die Kieze langsam verändern und wie sich die junge Generation nach etwas Beständigkeit sehnt. Denn mit der Hektik dieser Zeit verschwindet alles was vertraut ist und die daraus entstehende Rast- und Ratlosigkeit ist es, die genau diese Generation psychisch wie physisch entwurzelt und kaputt macht. Schönes Lied.

08. Freier Fall

„Der moderne Mensch ist der Mensch, der vergessen hat, was der Mensch vom Menschen weiß!“ So lässt sich Lied 8 in einem Satz recht einfach zusammen fassen. Immer höher, immer weiter, immer mehr. Die Gier und die Großmannssucht lassen uns in unseren eigenen kleinen Welten isolieren. Jeder versucht sich seinen eigenen Elfenbeinturm zu bauen, verkriecht sich dort und vereinsamt. Kaum einer gibt das zu, jedoch kann das auch kaum abgestritten werden.
Eine Anklage dieser Verhältnisse flott untermalt findet sich auf Platz 8 der Titelliste.

09. Lebenshaus

Der Lebensweg wird mit dem Bau eines Hauses verglichen und tatsächlich finden sich bei näherer Betrachtung viele Gemeinsamkeiten. Die Schule als das Fundament, die Ausbildung als das Erdgeschoss, Freunde als die Blumen usw. usf. Wie man sein Haus ausbaut, dafür ist letztlich jeder selbst verantwortlich. Aussage des Liedes und da stimmt der Rezensor zu, ist dass man mit dem Material arbeiten muss was man hat. Denn ob Schloss oder auf Sand gebaut, kann man viel erreichen. Man muss nur das Beste draus machen.

10. Deutsche Stille

Im 10. Lied wird sich mit dem deutschen Schuldkult beschäftigt, den unsere Landsleute wie keine zweiten perfektioniert haben. Gewarnt wird davor, dass wir daran auch zwangsläufig irgendwann zerbrechen werden. Musikalisch gesehen werden hier wieder fast depressive Töne angeschlagen und das wundert auch nicht. Denn am Gesichtsverlust unserer Nation gibt es für uns nichts gut zu finden. Da ändern auch die fahnenfetischistischen Fußballpartys alle 2 Jahre, die einem devoten Volk als Opium serviert werden. Wir haben die Sühne zum Überdruss. Schluss damit!

11. Albtraum

Auch hier bedient man sich wieder des Stilmittels der Metapher. Das Haus und der Garten als Sinnbild der Nation und des Lebensraumes, der die Früchte und die Nahrung für eben jenes angestammt Volk bietet, das diesen Lebensraum besiedelt. Die fremde Macht vergiftet jedoch diese Früchte und die Mutter schwört Rache und tut dies für ihre Kinder, Heim, Hof und Haus. Guter Abschluss einer überraschenden CD.

Mein Fazit

Wir haben es hier mit einer Veröffentlichung zu tun, die es so im nationalen deutschsprachigen Raum noch nicht gab; zumindest entzieht es sich zur Gänze meiner Kenntnis, dass so etwas schon mal da gewesen wäre.
Nichtsdestoweniger bin ich voll des Lobes für dieses außergewöhnliche Stück der Tonkunst. Unbestritten ist, dass das dargebotene für den handelsüblichen RAC-Konsumenten etwas zu (Ja, ich benutze dieses Wort bewusst) anspruchsvoll ist. Alles andere hätte mich auch gewundert.
Ich würde dennoch jeden, der das liest bitten: Gebt dieser CD eine Chance, sie hat es verdient. Ich wünsche mir jedenfalls mehr von solcher Musik und gebe eine grundsolide 2. Note: Gut!

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